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Reisetagebuch der Band „la-boum” - Szigetfestival Budapest 2010, verfasst am 20.8.2010     

(verfasst von Mr. Boule)

Diesen Sommer waren wir mal wieder als Straßenmusik-Guerillatruppe unterwegs. Weil es uns vor vier Jahren so gut gefallen hat und wir unbedingt mal wieder auf unser Lieblings-Festival wollten, ging es wieder nach Budapest. Der Plan war, dort Straßenmusik zu machen, zu feiern und wir wollten auch versuchen, auf dem Sziget-Festival zu spielen.


Wir reisten diesmal getrennt an. Auf der Straße, der Schiene und durch die Luft machten sich die fünf Nürnberger Musiker auf den Weg. Die Rhytmusgruppe wählte die klassische Variante und reiste mit dem Bandbus an. Das Banjo mit dem Nachtzug im Schlafwagen. Und das Akkordeon mit dem Flugzeug. Mit von der Partie waren noch unsere drei Mädels Helen, Daniela und Kuschi, Lukas (der den Festivalbesuch zum 18. Geburtstag bekommen hatte) sowie P58 Urgestein Wolf, der wiederum separat mit dem Auto seines 93-jährigen Opas und Freundin Daniela anreiste. Wer dann im Endeffekt die bequemste Anreise hatte, konnte nicht mehr genau geklärt werden, da im Nachhinein jede Gruppe ihre Variante des Reisens für die Beste hielt.


Den Titel „Paris des Ostens“ trägt Budapest völlig zu recht. Es kann sich locker mit allen Metropolen des Kontinents messen. Allerdings geht es hier meistens etwas chaotischer zu, was die Sache interessant macht, wenn man etwas sucht oder unter Zeitdruck steht. Die Bewohner ertragen die Nervosität der Riesenstadt mit Lässigkeit und stellen wichtige Hinweisschilder oder Verkehrszeichen nur in der eigenen Landessprache auf. Mal schnell im Urlaub die 10 wichtigsten Wörter gelernt? Kann man bei der Sprache mit den vielen ö's und z's vergessen. Überall in der Stadt sieht man Ansammlungen völlig ratloser Touristen umherirren. Budapest war früher die Brücke zwischen Ost- und Westeuropa und zur Zeit ist es auf dem besten Weg, das wieder zu werden. Damit ist aber auch der Untergang der coolen, schäbigen, verdreckten Viertel besiegelt, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Noch sind Reste einer alten mitteleuropäischen Stadt zu finden, auch wenn sie von HM-Filialen und Luxusappartements immer mehr zurückgedrängt werden. Die Zeit ist günstig etwas zu erleben, was es so in zehn Jahren nicht mehr geben wird. Budapest ist unbequem und anstrengend. Wer aber die Strapazen auf sich nimmt und sich auf die Stadt einlässt, wird für seine Mühe reich belohnt werden.


Wir wohnten in Appartements in der Elisabethstadt, dem alten jüdischen Viertel. Unter anderem steht hier die größte Synagoge Europas, aber auch die Subkultur blüht in den schillersten Farben. So gibt es zwischen Talmud-Schule und Koscher-Restaurant Fetischläden, neben der Klezmerbar die links-alternativen Buchläden und in alten jüdischen Handwerkerhäusern leben Künstlerkollektive. Überall lauern kleine Details in den heruntergekommenen Straßenzügen. Beim Heimkommen trifft man schon mal auf einen Orthodoxen mit Schläfenlocken und Hut, der zum Morgengebet geht. Weil viele der alten Bürgerhäuser in einem so schlechten Zustand sind, dass sie nicht mehr bewohnt werden können, haben sich ein paar junge Leute was einfallen lassen um sie vor dem Abbruch zu bewahren: die Ruinenbars. In die ehemals prachtvollen Hinterhöfe stellt man eine selbst gebastelte Bar, ein paar Stühle und Tische und fertig ist der Trash-Biergarten. Dazu wird dann unter bunt angemalten Ikea-Lampen Musik aufgelegt und in den Ruinen getanzt. Viele dieser Kneipen existieren nur einen Sommer lang, dann werden die Häuser mitsamt den wunderschönen Innenhöfen abgerissen.

Fast in jeder Straße des Vietels gibt es eine Ruin-Bar und die haben im Sommer jeden Tag bis mindestens 2 Uhr geöffnet. Und wenn man mal sein Feierabendbier zu Hause genießen will, kann man es sich aus den vielen 24 Hour Shops rund um die Uhr gekühlt mit aufs Zimmer nehmen.

In einem Zeitraum von ca. 48 Stunden waren alle Musiker auf den unterschiedlichsten Wegen in Budapest angekommen und hatten ihre Zimmer bezogen. Und so trafen wir uns erstmal in einer Ruinenbar und machten einen Plan. Und später nahmen wir uns noch ein Bier mit in die Unterkunft und machten einen zweiten Plan und waren pünktlich zur Spätausgabe der staatlichen ungarischen Nachrichten im Bett und freuten uns auf das, was uns erwartete.

Das Fest findet auf der Öbudia-Sziget (Werftinsel) statt. Für eine Woche im Jahr ist sie ein lärmender, qualmender und bunt beleuchteter Moloch. Früher war da eine der größten Schiffswerften. Die Russen ließen ganze Flotten dort bauen, aber nach der Wende war alles vorbei und die gesamte Anlage wurde dem Erdboden gleich gemacht. Seit dem gibt es das Sziget-Festival. Es fand zum 18. Mal statt und wird jedes Jahr größer. Da wir vor vier Jahren schon mal da waren, waren wir gewissermaßen vorbereitet was uns da erwartet, aber dann traf es uns wie ein Schlag und erst nach sechs Tagen kamen wir wieder zu Sinnen.

Offiziell geht die Party da jeden Tag von 15 Uhr bis 3 Uhr in der Nacht. Wir waren vor lauter Aufregung am ersten Tag schon um 14 Uhr da. Die Temperaturen stiegen auf über 30°C. Dann ging es auf der Hauptbühne los. Gwar, Metal und einer Splatter-Bühnenshow, die sich gewaschen hat und das Publikum mit reichlich Kunstblut. Dann zum Ausruhen ins Reggaedorf, eine Band spielt die komplette Sergant Peppers Platte der Beatles im Reggaestil nach. 18 Uhr Ska-P Hauptbühne. Ausruhen im Weindorf. 20 Uhr the Hives. Danach Essen im Ungarischen Dorf. Eine Spezialität, Hahnhoden, wird probiert und für gut befunden. 22 Uhr Bueno Vista Social Club auf der Weltmusikbühne. Dann wieder Weindorf. Um 23:30 Uhr Bad Religion im A38-wan2 Zelt. Wieder Essen. Zum Abtanzen ins Medusa, einer runden Arena, die oben offen ist, so dass man die Sterne über der Donau sehen kann. Darauf ins Partyzelt. Irgendwann gegen 4 Uhr verließen wir die Insel und fuhren ins Appartment. Ich wachte um 16:30 Uhr auf und mein erster Gedanke war: Sofort auf die Insel!


Schon an den Verkehrsknotenpunkten der Innenstadt erkennt man den Ausnahmezustand. In den U-Bahn Verteilern strömen aus allen Ecken Freaks in eine Richtung. Der öffentliche Nahverkehr in Budapest funktioniert gut, auch wenn die Taktzeiten wesentlich kürzer sind als in Deutschland. U-Bahn kommt, Tür auf - Tür zu, ohne Rücksicht auf Verluste, alle 2 Minuten. Trotzdem sind die Züge voll. Und heiß. Oft wird man schon an dieser Stelle von seinen Freunden getrennt. Einmal wurde vor mir ein Holländer in der Tür eingezwickt und steckte fest. Ich versuchte vergeblich mit seinem Freund ihn wieder nach draußen zu ziehen. Er fluchte und schrie Schimpfwörter, die ich nicht verstand. Als die U-Bahn dann los fuhr, konnten wir ihn mit Hilfe der Fahrgäste in den Wagon hinein drücken. Beim Fest hält die Bahn oberirdisch, man steigt einfach da aus, wo alle aussteigen. Alle zwei Minuten spuckt die Bahn riesige Menschenmassen aus. Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe spannen dann Plastikbänder an den Gleisen damit keiner auf die Schienen rennt, wenn wieder mal ein Zug kommt. Und dann zieht sich ein riesiger Bandwurm aus Fans, Freaks und Gestalten bis zur Brücke, die auf die Insel führt. Verkehrspolizisten regeln mit rot-weißen Zauberstäben den Verkehr und sehen dabei aus wie Dirigenten der Großstadt. Auf die Insel kommt man über eine alte Eisenbahnbrücke. Reste von abgerissenen Flip-Flops klemmen in den Lücken der Gleise zwischen hastig geleerten Weinflaschen. Vor der Brücke werden die Bändchen kontrolliert, nach der Brücke werden die Taschen durchsucht. Getränke in nicht kommerziellen Mengen sind ok. Alles das läuft ganz entspannt ab. Schaffner, Polizisten und Ordner lachen, machen Witze auf ungarisch und freuen sich über die Mädchen.


 

Nach Duschen, Essen und Fahrt waren wir am zweiten Tag viel zu spät dran und verpassten die Specials knapp. Die anderen waren schon da, also überbrückten wir die Zeit bei einer ungarischen Doors Coverband auf der Bluesbühne. Auf diesem Festival gibt es alles außer Klassik. Die großen Bühnen, die Weltmusikbühne, das Romazelt, wo die rumänischen high-speed Blaskapellen alá Fanfare Ciocarlia spielen, die Jazzclub Bühne, wo man viele hervorragende ungarische Musiker hören kann. Die Bluesbühne, wo osteuropäische Bluesbands spielen. Was sie von westeuropäischen unterscheidet ist, dass sie immer einen Roma-Geigenspieler mit in der Band haben.


Das sagenhafte Reggaedorf, Diskozelte in einer riesigen Party Area. Am Rande gibt es immer wieder kleine Themendörfer mit regionalen und internationalen Speisen und Getränken, z. B. der transsylvanische Feuerteufel mit seinen flambierten Fleischspießen in Schnapssoße im Romadorf. Allein das Weindorf ist so groß wie das Nürnberger Altstadtfest. Egal wo man bestellt, man bekommt immer eine kleine Rechnung gereicht auf der das erworbene Produkt, die Menge und der Preis drauf stehen. Das ist praktisch, denn gerade wenn man in der Gruppe bestellt verliert man schnell den Überblick nach einigen Bieren. Betrügerei beim Preis oder Wechselgeld gib es nicht. Ein 0,5l Bier im Einwegplastikbecher von der Budapester Dreher Brauerei kostet umgerechnet 1,80 €. Das schmeckt zwar für den Franken etwas wässrig, macht aber auch nach 10 Bier am nächsten Tag keinen Kopf, weil es nicht so stark ist, wie z.B. ein Krug. Es gibt auch deutsche Biere, die kosten das Doppelte und schmecken in dem lapprigen Plastikbecher auch nicht besser. Man kann sich an eine Bar setzen, wird angeschnallt und die ganze Bar wird mit einem Kran 80 m in die Höhe gehoben. Dort kann man dann in Ruhe sein Bierchen trinken und sich alles von oben anschauen. An diesem Abend sahen wir noch die Gorillaz und Faithless. Später liefen wir durch die nächtliche Stadt nach Hause und kamen über die beleuchtete Kettenbrücke. Ein Dichter hat mal gesagt, wer Budapest kennen will, muss es bei Nacht oder von oben sehen. Er hatte Recht.

Und dann, nach zwei durchfeierten Tagen und Nächten, packten wir unsere Instrumente und stürzten uns in den Strudel, von dem wir hofften durch seinen Sog zum Sziget gespült zu werden. Am Wochenende verdoppelt sich der Strom auf das Sziget noch mal, weil auch viele Budapester dann aufs Festival kommen, für das sie oft lange sparen müssen. Zu den Engländern, Österreichern, Slowaken, Polen, Deutschen und Tschechen mischen sich dann noch mal so viele Ungarn, die nur das Wochenende nutzten. Und wie durch ein Wunder kamen wir komplett und unversehrt an. Die Schlagzeugkiste wurde durchsucht und die Sicherheitsleute freuten sich über die bunt angemalten Megaphone. Sie ließen aber nie die Mädchen außer Acht, weshalb wir unbemerkt Wodka-Apfelsaft mit aufs Gelände schmuggeln konnten. Der Zirkusbereich zwischen den Zeltplätzen war unser Ziel. Da sind keine großen Bühnen in der Nähe und man kann sich einigermaßen hören. Da ist eine Art Zirkus-Freakdorf mit Drehorgeln und Akrobaten und auch einer Theaterbühne. Als wir unsere Instrumente auspackten, war für die anwesenden Festivalbesucher eigentlich schon alles klar. Wir spielten trotzdem und alles vereinigte sich zu dem, was es einst gewesen war. Wir spielten unser normales Straßenset und die Erde brannte vom stampfen der Füße. Nach 5 Minuten mussten wir immer eine Pause machen, sonst wären wir im Staub der Kieswege versunken. Die Leute gingen so was von mit der Musik, dass es eine richtige la-boum Fete wurde. Alle waren bei der Sache und einige verbrauchten ihre lezten Reserven, um im la-boum Ska-Rhytmus aufzugehen. Unter anderem wir. Nach 3 Stunden waren wir am Ende. Wir schwitzten wie die Schweine. Das Heimkommen ist aber nicht immer ganz einfach. Vor allem wenn man Musikinstrumente dabei hat. Schlagzeuger und Bassisten werden grundsätzlich von Taxis nicht mitgenommen. Und deswegen mussten Basti und Haui ihre Instrumente durch die Budapester Nacht nach Hause tragen. Ein langer, beschwerlicher Weg.

Foto: Sziget offizielle Webseite

Foto: Sziget offizielle Webseite

Trotz der riesigen Menschenmassen geht es auf dem Sziget zivilisiert und friedlich zu. Die obligatorischen Alkoholleichen, die schon am frühen Nachmittag in ihrem Erbrochenem vor sich hin siechen, sieht man hier nicht. Noch nicht mal Wildpinkler sind am Start, was wohl an der großen Anzahl der Dixiklo-Burgen liegt, die an jeder Ecke zu finden sind. Es ist auch verhältnismäßig sauber und keiner verbrennt sein Zelt nach dem Festival. Man wird nicht von Sicherheitsleuten schikaniert. Jeder lässt jedem seinen Spaß und nimmt Rücksicht auf sich und die anderen. Wenn man auf die vielen Roller, Müllautos und Fahrräder aufpasst, die über das Gelände rasen, ist man relativ sicher.

Ein lustiges Spiel von uns ist „Finde den Nürnberger“. Der, der auf dem Festivalgelände den ersten Nürnberger trifft, hat gewonnen und darf sich was wünschen. Als wir Musik gemacht haben traf ich den Michi von No Expectations, gewonnen hat dann aber doch Haui, denn der hatte bereits am zweiten Tag die Zwillinge aus dem Starclub getroffen. Es waren auch Leute da, die uns auf dem Bardentreffen gesehen hatten, so klein ist also Sziget. Wir hatten noch eine tolle Zeit. Wir haben noch mal in der Stadt und auf dem Festival gespielt und das bei super Sommerwetter, eigentlich zu warm. Wir sind mit Stelzen über das Gelände gelaufen und haben zum Bukovina-Orchester von Shantel getanzt. Basti siegte fast beim Bullenritt und scheuerte sich dabei beide Knie auf. Wir waren im Weindorf und haben ungarische Weine probiert. Ich bin dann allerdings immer erst Abends auf das Fest, sonst hätte ich es nicht mehr durchgestanden.

Etwas Ruhe braucht der Mensch, aber auch nicht jeder. Die notorischen Partymacher in der Band waren nach wie vor von früh bis spät auf der Insel. Tagsüber waren wir im Park, im Botanischen Garten oder im Zoo, wo Schlagzeuger Basti im Streichelzoo von einem Lama angegriffen und bespuckt wurden. Ihm ist zum Glück weiter nichts passiert (dem Lama). Abends sind wir immer aufs Festival und blieben bis in die Morgenstunden in Feierlaune. Alkoholbedingte Komplettausfälle gab es in der Band diesmal nicht. Lag wohl am Dünnbier, das den komischen und unpassenden Namen Dreher trägt. An den letzten zwei Tagen gab es nachts noch wunderbare Gewitterregen, die das Gelände in eine Matschpfütze verwandelten. Und so konnte man auch die schönen Bilder sehen, die seit gefühlten 100 Jahren (oder doch erst seit Woodstock?) zu jedem Open-Air Festival gehören: maschtige Menschen, die sich glückselig in den Armen liegen und grinsen.


So ging die schöne und anstrengende Woche langsam wieder zu Ende. Das Sziget war aus und alle fuhren nach Hause. Noch einmal war die Stadt voller Freaks mit Rucksäcken, Zelten und Gitarren. Wir entspannten uns im Széchenyi-Heilbad. Das ist ein altes, pompöses Thermalbad und sieht wie ein Schloss aus. Es gibt 18 historische Badehallen mit bis zu 40°C heißem Wasser, das nach Schwefel stinkt, dazu Dampfbäder und Saunen. Wir waren nicht die einzigen, die diese Idee hatten. Das ganze Bad war voller Festivalbesucher. 12 Rastamänner hockten in der Sauna und sonst auch überall langhaarige, tätowierte Menschen zwischen schachspielenden Opas und Invaliden. Was für ein Anblick!


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