| (verfasst
von Mr. Boule)
Diesen Sommer waren wir mal wieder als Straßenmusik-Guerillatruppe
unterwegs. Weil es uns vor vier Jahren so gut gefallen hat und wir
unbedingt mal wieder auf unser Lieblings-Festival wollten, ging
es wieder nach Budapest. Der Plan war, dort Straßenmusik zu
machen, zu feiern und wir wollten auch versuchen, auf dem Sziget-Festival
zu spielen.
Wir reisten diesmal getrennt an. Auf der Straße, der Schiene
und durch die Luft machten sich die fünf Nürnberger Musiker
auf den Weg. Die Rhytmusgruppe wählte die klassische Variante
und reiste mit dem Bandbus an. Das Banjo mit dem Nachtzug im Schlafwagen.
Und das Akkordeon mit dem Flugzeug. Mit von der Partie waren noch
unsere drei Mädels Helen, Daniela und Kuschi, Lukas (der den
Festivalbesuch zum 18. Geburtstag bekommen hatte) sowie P58 Urgestein
Wolf, der wiederum separat mit dem Auto seines 93-jährigen
Opas und Freundin Daniela anreiste. Wer dann im Endeffekt die bequemste
Anreise hatte, konnte nicht mehr genau geklärt werden, da im
Nachhinein jede Gruppe ihre Variante des Reisens für die Beste
hielt.
Den Titel „Paris des Ostens“ trägt Budapest völlig
zu recht. Es kann sich locker mit allen Metropolen des Kontinents
messen. Allerdings geht es hier meistens etwas chaotischer zu, was
die Sache interessant macht, wenn man etwas sucht oder unter Zeitdruck
steht. Die Bewohner ertragen die Nervosität der Riesenstadt
mit Lässigkeit und stellen wichtige Hinweisschilder oder Verkehrszeichen
nur in der eigenen Landessprache auf. Mal schnell im Urlaub die
10 wichtigsten Wörter gelernt? Kann man bei der Sprache mit
den vielen ö's und z's vergessen. Überall in der Stadt
sieht man Ansammlungen völlig ratloser Touristen umherirren.
Budapest war früher die Brücke zwischen Ost- und Westeuropa
und zur Zeit ist es auf dem besten Weg, das wieder zu werden. Damit
ist aber auch der Untergang der coolen,
schäbigen, verdreckten Viertel besiegelt, in denen die Zeit
stehen geblieben zu sein scheint. Noch sind Reste einer alten mitteleuropäischen
Stadt zu finden, auch wenn sie von HM-Filialen und Luxusappartements
immer mehr zurückgedrängt werden. Die Zeit ist günstig
etwas zu erleben, was es so in zehn Jahren nicht mehr geben wird.
Budapest ist unbequem und anstrengend. Wer aber die Strapazen auf
sich nimmt und sich auf die Stadt einlässt, wird für seine
Mühe reich belohnt werden.
Wir wohnten in Appartements in der Elisabethstadt, dem alten jüdischen
Viertel. Unter anderem steht hier die größte Synagoge
Europas, aber auch die Subkultur blüht in den schillersten
Farben. So gibt es zwischen Talmud-Schule und Koscher-Restaurant
Fetischläden, neben der Klezmerbar die links-alternativen Buchläden
und in alten jüdischen Handwerkerhäusern leben Künstlerkollektive.
Überall lauern kleine Details in den heruntergekommenen Straßenzügen.
Beim Heimkommen trifft man schon mal auf einen Orthodoxen mit Schläfenlocken
und Hut, der zum Morgengebet geht. Weil viele der alten Bürgerhäuser
in einem so schlechten Zustand sind, dass sie nicht mehr bewohnt
werden können, haben sich ein paar junge Leute was einfallen
lassen um sie vor dem Abbruch zu bewahren: die Ruinenbars. In die
ehemals prachtvollen Hinterhöfe stellt man eine selbst gebastelte
Bar, ein paar Stühle und Tische und fertig ist der Trash-Biergarten.
Dazu wird dann unter bunt angemalten Ikea-Lampen Musik aufgelegt
und in den Ruinen getanzt. Viele dieser Kneipen existieren nur einen
Sommer lang, dann werden die Häuser mitsamt den wunderschönen
Innenhöfen abgerissen.
Fast
in jeder Straße des Vietels gibt es eine Ruin-Bar und die
haben im Sommer jeden Tag bis mindestens 2 Uhr geöffnet. Und
wenn man mal sein Feierabendbier zu Hause genießen will, kann
man es sich aus den vielen 24 Hour Shops rund um die Uhr gekühlt
mit aufs Zimmer nehmen.
In einem Zeitraum von ca. 48 Stunden waren alle Musiker auf den
unterschiedlichsten Wegen in Budapest angekommen und hatten ihre
Zimmer bezogen. Und so trafen wir uns erstmal in einer Ruinenbar
und machten einen Plan. Und später nahmen wir uns noch ein
Bier mit in die Unterkunft und machten einen zweiten Plan und waren
pünktlich zur Spätausgabe der staatlichen ungarischen
Nachrichten im Bett und freuten uns auf das, was uns erwartete.
Das Fest findet auf der Öbudia-Sziget (Werftinsel) statt. Für
eine Woche im Jahr ist sie ein lärmender, qualmender und bunt
beleuchteter Moloch. Früher war da eine der größten
Schiffswerften. Die Russen ließen ganze Flotten dort bauen,
aber nach der Wende war alles vorbei und die gesamte Anlage wurde
dem Erdboden gleich gemacht. Seit dem gibt es das Sziget-Festival.
Es fand zum 18. Mal statt und wird jedes Jahr größer.
Da wir vor vier Jahren schon mal da waren, waren wir gewissermaßen
vorbereitet was uns da erwartet, aber dann traf es uns wie ein Schlag
und erst nach sechs Tagen kamen wir wieder zu Sinnen.
Offiziell geht die Party da jeden Tag von 15 Uhr bis 3 Uhr in der
Nacht. Wir waren vor lauter Aufregung am ersten Tag schon um 14
Uhr da. Die Temperaturen stiegen auf über 30°C. Dann ging
es auf der Hauptbühne los. Gwar, Metal und einer Splatter-Bühnenshow,
die sich gewaschen hat und das Publikum mit reichlich Kunstblut.
Dann zum Ausruhen ins Reggaedorf, eine Band spielt die komplette
Sergant Peppers Platte der Beatles im Reggaestil nach. 18 Uhr Ska-P
Hauptbühne. Ausruhen im Weindorf. 20 Uhr the Hives. Danach
Essen im Ungarischen Dorf. Eine Spezialität, Hahnhoden, wird
probiert und für gut befunden. 22 Uhr Bueno Vista Social Club
auf der Weltmusikbühne. Dann wieder Weindorf. Um 23:30 Uhr
Bad Religion im A38-wan2 Zelt. Wieder Essen. Zum Abtanzen ins Medusa,
einer runden Arena, die oben offen ist, so dass man die Sterne über
der Donau sehen kann. Darauf ins Partyzelt. Irgendwann gegen 4 Uhr
verließen wir die Insel und fuhren ins Appartment. Ich wachte
um 16:30 Uhr auf und mein erster Gedanke war: Sofort auf die Insel!

Schon an den Verkehrsknotenpunkten der Innenstadt
erkennt man den Ausnahmezustand. In den U-Bahn Verteilern strömen
aus allen Ecken Freaks in eine Richtung. Der öffentliche Nahverkehr
in Budapest funktioniert gut, auch wenn die Taktzeiten wesentlich
kürzer sind als in Deutschland. U-Bahn kommt, Tür auf
- Tür zu, ohne Rücksicht auf Verluste, alle 2 Minuten.
Trotzdem sind die Züge voll. Und heiß. Oft wird man schon
an dieser Stelle von seinen Freunden getrennt. Einmal wurde vor
mir ein Holländer in der Tür eingezwickt und steckte fest.
Ich versuchte vergeblich mit seinem Freund ihn wieder nach draußen
zu ziehen. Er fluchte und schrie Schimpfwörter, die ich nicht
verstand. Als die U-Bahn dann los fuhr, konnten wir ihn mit Hilfe
der Fahrgäste in den Wagon hinein drücken. Beim Fest hält
die Bahn oberirdisch, man steigt einfach da aus, wo alle aussteigen.
Alle zwei Minuten spuckt die Bahn riesige Menschenmassen aus. Mitarbeiter
der Verkehrsbetriebe spannen dann Plastikbänder an den Gleisen
damit keiner auf die Schienen rennt, wenn wieder mal ein Zug kommt.
Und dann zieht sich ein riesiger Bandwurm aus Fans, Freaks und Gestalten
bis zur Brücke, die auf die Insel führt. Verkehrspolizisten
regeln mit rot-weißen Zauberstäben den Verkehr und sehen
dabei aus wie Dirigenten der Großstadt. Auf die Insel kommt
man über eine alte Eisenbahnbrücke. Reste von abgerissenen
Flip-Flops klemmen in den Lücken der Gleise zwischen hastig
geleerten Weinflaschen. Vor der Brücke werden die Bändchen
kontrolliert, nach der Brücke werden die Taschen durchsucht.
Getränke in nicht kommerziellen Mengen sind ok. Alles das läuft
ganz entspannt ab. Schaffner, Polizisten und Ordner lachen, machen
Witze auf ungarisch und freuen sich über die Mädchen.
Nach Duschen, Essen und Fahrt waren wir
am zweiten Tag viel zu spät dran und verpassten die Specials
knapp. Die anderen waren schon da, also überbrückten wir
die Zeit bei einer ungarischen Doors Coverband auf der Bluesbühne.
Auf diesem Festival gibt es alles außer Klassik. Die großen
Bühnen, die Weltmusikbühne, das Romazelt, wo die rumänischen
high-speed Blaskapellen alá Fanfare Ciocarlia spielen, die
Jazzclub Bühne, wo man viele hervorragende ungarische Musiker
hören kann. Die Bluesbühne, wo osteuropäische Bluesbands
spielen. Was sie von westeuropäischen unterscheidet ist, dass
sie immer einen Roma-Geigenspieler mit in der Band haben.
Das sagenhafte Reggaedorf, Diskozelte in einer riesigen Party Area.
Am Rande gibt es immer wieder kleine Themendörfer mit regionalen
und internationalen Speisen und Getränken, z. B. der transsylvanische
Feuerteufel mit seinen flambierten Fleischspießen in Schnapssoße
im Romadorf. Allein das Weindorf ist so groß wie das Nürnberger
Altstadtfest. Egal wo man bestellt, man bekommt immer eine kleine
Rechnung gereicht auf der das erworbene Produkt, die Menge und der
Preis drauf stehen. Das ist praktisch, denn gerade wenn man in der
Gruppe bestellt verliert man schnell den Überblick nach einigen
Bieren. Betrügerei beim Preis oder Wechselgeld gib es nicht.
Ein 0,5l Bier im Einwegplastikbecher von der Budapester Dreher Brauerei
kostet umgerechnet 1,80 €. Das schmeckt zwar für den Franken
etwas wässrig, macht aber auch nach 10 Bier am nächsten
Tag keinen Kopf, weil es nicht so stark ist, wie z.B. ein Krug.
Es gibt auch deutsche Biere, die kosten das Doppelte und schmecken
in dem lapprigen Plastikbecher auch nicht besser. Man kann sich
an eine Bar setzen, wird angeschnallt und die ganze Bar wird mit
einem Kran 80 m in die Höhe gehoben. Dort kann man dann in
Ruhe sein Bierchen trinken und sich alles von oben anschauen. An
diesem Abend sahen wir noch die Gorillaz und Faithless. Später
liefen wir durch die nächtliche Stadt nach Hause und kamen
über die beleuchtete Kettenbrücke. Ein Dichter hat mal
gesagt, wer Budapest kennen will, muss es bei Nacht oder von oben
sehen. Er hatte Recht.
Und dann, nach zwei durchfeierten Tagen
und Nächten, packten wir unsere Instrumente und stürzten
uns in den Strudel, von dem wir hofften durch seinen Sog zum Sziget
gespült zu werden. Am Wochenende verdoppelt sich der Strom
auf das Sziget noch mal, weil auch viele Budapester dann aufs Festival
kommen, für das sie oft lange sparen müssen. Zu den Engländern,
Österreichern, Slowaken, Polen, Deutschen und Tschechen mischen
sich dann noch mal so viele Ungarn, die nur das Wochenende nutzten.
Und wie durch ein Wunder kamen wir komplett und unversehrt an. Die
Schlagzeugkiste wurde durchsucht und die Sicherheitsleute freuten
sich über die bunt angemalten Megaphone. Sie ließen aber
nie die Mädchen außer Acht, weshalb wir unbemerkt Wodka-Apfelsaft
mit aufs Gelände schmuggeln konnten. Der Zirkusbereich zwischen
den Zeltplätzen war unser Ziel. Da sind keine großen
Bühnen in der Nähe und man kann sich einigermaßen
hören. Da ist eine Art Zirkus-Freakdorf mit Drehorgeln und
Akrobaten und auch einer Theaterbühne. Als wir unsere Instrumente
auspackten, war für die anwesenden Festivalbesucher eigentlich
schon alles klar. Wir spielten trotzdem und alles vereinigte sich
zu dem, was es einst gewesen war. Wir spielten unser normales Straßenset
und die Erde brannte vom stampfen der Füße. Nach 5 Minuten
mussten wir immer eine Pause machen, sonst wären wir im Staub
der Kieswege versunken. Die Leute gingen so was von mit der Musik,
dass es eine richtige la-boum Fete wurde. Alle waren bei der Sache
und einige verbrauchten ihre lezten Reserven, um im la-boum Ska-Rhytmus
aufzugehen. Unter anderem wir. Nach 3 Stunden waren wir am Ende.
Wir schwitzten wie die Schweine. Das Heimkommen ist aber nicht immer
ganz einfach. Vor allem wenn man Musikinstrumente dabei hat. Schlagzeuger
und Bassisten werden grundsätzlich von Taxis nicht mitgenommen.
Und deswegen mussten Basti und Haui ihre Instrumente durch die Budapester
Nacht nach Hause tragen. Ein langer, beschwerlicher Weg.
|

Foto: Sziget offizielle Webseite |

Foto: Sziget offizielle Webseite |
 |
Trotz der riesigen Menschenmassen geht es
auf dem Sziget zivilisiert und friedlich zu. Die obligatorischen
Alkoholleichen, die schon am frühen Nachmittag in ihrem Erbrochenem
vor sich hin siechen, sieht man hier nicht. Noch nicht mal Wildpinkler
sind am Start, was wohl an der großen Anzahl der Dixiklo-Burgen
liegt, die an jeder Ecke zu finden sind. Es ist auch verhältnismäßig
sauber und keiner verbrennt sein Zelt nach dem Festival. Man wird
nicht von Sicherheitsleuten schikaniert. Jeder lässt jedem
seinen Spaß und nimmt Rücksicht auf sich und die anderen.
Wenn man auf die vielen Roller, Müllautos und Fahrräder
aufpasst, die über das Gelände rasen, ist man relativ
sicher.
Ein
lustiges Spiel von uns ist „Finde den Nürnberger“.
Der, der auf dem Festivalgelände den ersten Nürnberger
trifft, hat gewonnen und darf sich was wünschen. Als wir Musik
gemacht haben traf ich den Michi von No Expectations, gewonnen hat
dann aber doch Haui, denn der hatte bereits am zweiten Tag die Zwillinge
aus dem Starclub getroffen. Es waren auch Leute da, die uns auf
dem Bardentreffen gesehen hatten, so klein ist also Sziget. Wir
hatten noch eine tolle Zeit. Wir haben noch mal in der Stadt und
auf dem Festival gespielt und das bei super Sommerwetter, eigentlich
zu warm. Wir sind mit Stelzen über das Gelände gelaufen
und haben zum Bukovina-Orchester von Shantel getanzt. Basti siegte
fast beim Bullenritt und scheuerte sich dabei beide Knie auf. Wir
waren im Weindorf und haben ungarische Weine probiert. Ich bin dann
allerdings immer erst Abends auf das Fest, sonst hätte ich
es nicht mehr durchgestanden.
Etwas Ruhe braucht der Mensch, aber auch nicht jeder. Die notorischen
Partymacher in der Band waren nach wie vor von früh bis spät
auf der Insel. Tagsüber waren wir im Park, im Botanischen Garten
oder im Zoo, wo Schlagzeuger Basti im Streichelzoo von einem Lama
angegriffen und bespuckt wurden. Ihm ist zum Glück weiter nichts
passiert (dem Lama). Abends sind wir immer aufs Festival und blieben
bis in die Morgenstunden in Feierlaune. Alkoholbedingte Komplettausfälle
gab es in der Band diesmal nicht. Lag wohl am Dünnbier, das
den komischen und unpassenden Namen Dreher trägt. An den letzten
zwei Tagen gab es nachts noch wunderbare Gewitterregen, die das
Gelände in eine Matschpfütze verwandelten. Und so konnte
man auch die schönen Bilder sehen, die seit gefühlten
100 Jahren (oder doch erst seit Woodstock?) zu jedem Open-Air Festival
gehören: maschtige Menschen, die sich glückselig in den
Armen liegen und grinsen.
So ging die schöne und anstrengende Woche langsam wieder zu
Ende. Das Sziget war aus und alle fuhren nach Hause. Noch einmal
war die Stadt voller Freaks mit Rucksäcken, Zelten und Gitarren.
Wir entspannten uns im Széchenyi-Heilbad. Das ist ein altes,
pompöses Thermalbad und sieht wie ein Schloss aus. Es gibt
18 historische Badehallen mit bis zu 40°C heißem Wasser,
das nach Schwefel stinkt, dazu Dampfbäder und Saunen. Wir waren
nicht die einzigen, die diese Idee hatten. Das ganze Bad war voller
Festivalbesucher. 12 Rastamänner hockten in der Sauna und sonst
auch überall langhaarige, tätowierte Menschen zwischen
schachspielenden Opas und Invaliden. Was für ein Anblick!
|